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GLAUBE LIEBE HOFFNUNG, Foto: Maren Jannings

"Zutiefst menschlich und armselig normal"

Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung erzählt eine Kriminalgeschichte über die Widersprüche zwischen Gesellschaft und Individuum, die "zu keinem Frieden kommen". Regisseur Helge Schmidt und Choregraf Jonas Woltemate gewinnen den Klassiker als interdisziplinäre, tänzerisch-choreografische Interpretation für die freie Szene. Helge Schmidt hat als freier Regisseur zuletzt die Uraufführung von Lena Bireschs gentrifiction am LICHTHOF Theater verwirklicht und inszenierte außerdem unter anderem am Thalia Theater. Jonas Woltemate arbeitet als freier Choreograph vor allem auf Kampnagel. Für The beat on us wurde er zuletzt mit dem Nachwuchspreis des Hauptsache Frei-Festivals bedacht. Im Gespräch mit dem LICHTHOF sprechen sie über die Tiefe des Normalen, die Widersprüchlichkeit des Sozialen und eigenwillige Ästhetik von Horváths Vorlage.


LICHTHOF | Was interessiert euch an GLAUBE LIEBE HOFFNUNG?
 
Helge Schmidt | Ich finde das Stück sehr erstaunlich in seiner Einfachheit. Zumindest wenn man die Gewichte, die in vergleichbar viel gespielten Dramen bewegt werden, als Referenzmaßstab hinzunimmt. Horváth schildert das kleine Schicksal einer einfachen Frau, ohne dass die Figuren prototypisch sind oder auf „höhere“ Ziele hindeuten. „Woyzeck“ ist vielleicht noch vergleichbar, aber dort geht es ja vor allem um Ausbeutung und Entmenschlichung, die Figuren sind sehr karikaturesk.
Horváth bevölkert seine Geschichte mit so armselig normalen Leuten und Problemen, dass man sich zwischendurch und auch auf den Proben fragt, was daran erzählenswert ist. Aber eben dieses wenig Erzählenswerte, diese unbarmherzig Unambitionierte macht den Text für uns so interessant und erklärt sicherlich auch Horváths Stellung in der Dramenliteratur. Er findet eine Sprache, die zutiefst menschliche Prozesse offenlegt und unterwirft dieses Zurschaustellem keiner Botschaft. Er stellt auch keine Alternative nur in Aussicht.
 
Glaube, Liebe und Hoffnung sind die theologischen Tugenden – wie greifen diese in einer säkularisierten Welt? Beinahe klingen sie wie Mantras des Neoliberalismus...
 
Helge Schmidt | Ich denke, dass diese Grundtugenden sich in jeder Ideologie, Religion oder Weltanschauung wiederfinden. Weil sie Urbedürfnisse sind, die letztlich auch einen evolutionären und gesellschaftsstiftenden Charakter haben. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass diese ursprünglich religiösen Werte in anderem Gewand auch immer wieder auftauchen. Interessant ist dann vor allem die Frage, welche Gestalt nehmen sie an? Wie werden sie vereinnahmt, wie vermarktet? Dadurch, dass jedes Individuum Anspruch auf die Erfüllung dieser Werte erhebt, entsteht automatisch ein – so Horváth – unvereinbarer Widerspruch zwischen Gesellschaft und Individuum. Allein durch das purer Vorhandensein der Tugenden.
 
Ihr nennt den Abend eine "tänzerisch-choreografische Interpretation" und der Untertitel lautet "Ein kleiner Totentanz". Hat der Text bereits etwas Tänzerisches? Was hat euch zu diesem Angang inspiriert?
 
Jonas Woltemate | Helge hatte die Idee, mit choreographischen Elementen zu arbeiten, und für mich war beim Lesen schnell klar, dass das gut funktionieren kann. Das Stück ist ja in gewisser Weise eine Reduktion von Form und Inhalt: Horváth schreibt sehr knappe Szenen mit schnellen Dialogen, um Handlung und Figuren zu skizzieren. Ich finde das Stück bekommt dadurch etwas sehr Formales, was mit der Sprache die er verwendet eine eigenwillige Ästhetik und Atmosphäre erzeugt.
Das gleiche interessiert mich auch bei der Entwicklung einer Bewegungssprache: Formale Bewegungen, die eine spezifische Qualität haben. Unser Wunsch war auch, mit der Bewegung den Figuren noch eine Ebene anzubieten, auf der etwas verhandelt werden kann. Die Bewegungen funktionieren dabei auch wie eine Sprache, bei der aber offen bleibt, was gesagt wird. Wichtiger ist, wie die Figuren mit der Bewegung umgehen und wann sie darauf zurückgreifen.
Die größte Herausforderung ist eigentlich, die Bewegungen von der gesprochenen Sprache zu lösen, weil man beim Zuschauen dazu neigt einen Zusammenhang herstellen zu wollen. Die Schwierigkeit für die Schauspieler ist also, die Bewegung zu benutzen, ohne damit ihren Text zu illustrieren oder die Rolle zu charakterisieren. Interessant finde ich auch, wenn dabei ab und zu statt der Figur der Spieler durchscheint, der mit dieser Aufgabe umgehen muss.

 
Ihr seid beide bekannte Gesichter der Hamburger freien Szene - wie arbeitet es sich dort derzeit?

Jonas Woltemate | Ich bin 2013 mit dem Studium fertig geworden und habe hier in Hamburg einen guten Start gehabt. Aber mein Eindruck ist auch, dass man als „Nachwuchs“ bestimmte Vorteile genießt, die sich mit der Zeit aufbrauchen. Wenn man hier als junger Künstler auf den Plan tritt und engagiert ist, gibt es gute Chancen wahrgenommen zu werden, auch weil die freie Szene nicht besonders groß ist. Die Frage ist aber: Kann man sich langfristig etablieren und weiterentwickeln?
Ich bin mit vielen meiner Kollegen befreundet und das ist immer dann besonders schwierig, wenn die Szene Ende Januar zur Juryentscheidung, um die viel zu geringen Mittel der Kulturbehörde konkurriert. Ich bin davon überzeugt, dass in dieser Stadt ein riesiges Potenzial versandet, weil es kein politisches Interesse an freier darstellender Kunst gibt. Das macht Hamburg als Standort für interessante Künstler ziemlich unattraktiv. Ich bekomme immer wieder mit, wie gute Leute hier frustriert aufgeben und nach Berlin gehen. Ich glaube nicht, dass man sich mit diesem Klima als Stadt einen Gefallen tut. Das Schlimmste daran ist ja, dass diese Situation, auch außerhalb von Hamburg wahrgenommen wird. Davon abgesehen schätze ich aber sehr den Einfallsreichtum und die Solidarität der Szene in Hamburg.

Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?
 
Helge Schmidt | Wir haben uns über einen gemeinsame Arbeit an einer Schule kennengelernt, wo wir mit verschiedenen Klassen zu einem Thema ein Projektwoche gestaltet haben. Wir haben dann über Gespräche festgestellt, dass wir, obwohl in unterschiedlichen Sparten beheimatet, Schnittpunkte in der jeweiligen Arbeit haben. Während Jonas sich dafür interessiert, wie man im Tanz, im choreographischen Theater mit Handlung (story) und Erzählung umgeht, wie die Sprache in den Tanz kommt, nähere ich mich von der anderen Seite. Welche Mittel sind auf der Sprechtheaterbühne wie einzusetzen, dass Sprache notwendig ist und unvermeidlich wird? Ich habe dann eine Inszenierung von „Glaube Liebe Hoffnung“ gesehen, nach der ich rein intuitiv sicher war, dass dieses Stück nicht nur Vehikel unseres Interesses an einer Zusammenarbeit ist, sondern dass es dort auf fruchtbaren Boden trifft. Und Jonas ging es nach der Lektüre auch so, sodass wir dann angefangen haben, ein Konzept zu entwickeln. Nun bleibt nur zu hoffen, dass man am Ende nicht das Konzept, sondern vor allem einen organischen Theaterabend sehen wird.


GLAUBE LIEBE HOFFNUNG - Ein kleiner Totentanz

Von Ödön von Horváth

Samstag, 04.02.2017 | 20:15 Uhr
Sonntag, 05.02.2017 | 19:00 Uhr
 
© 2017 LICHTHOF THEATER Hamburg