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Foto (c) Maximilian Bartsch / Lorin Strohm

"Musiktheater in Hamburg: bitte gut durchlüften!"

Das LICHTHOF Theater feiert am 14. und 15. November mit dem Doppelabend No Show von Ernst Bechert und dem Tryout wir/wir/wir von Leo Hofmann und Benjamin van Bebber den Start der Stimme X – Reihe für experimentelles Musiktheater. Unter der Leitung von Hans-Jörg Kapp und Frank Düwel präsentiert die Hamburger Produktionsplattform Stimme X Künstler_innen mit Affinität zu Musik, Theater und sämtlichen frei definierten Klangformaten. Hans-Jörg Kapp hat dem LICHTHOF einige Fragen zu der Hamburger Musiktheaterszene, ihren Produktionsbedingungen und dem Thema 'Stimme' als Zentrum der Vorstellungsreihe beantwortet.


LICHTHOF | Wie würdest du die Musiktheaterszene in Hamburg beschreiben?

Hans-Jörg Kapp | Gemessen an dem, was sich in den letzten Jahren in der Hamburger Sprechtheater- oder Tanzszene entwickelt hat, gibt es keine vergleichbare Musiktheaterszene in Hamburg. Dafür fehlt einfach seit zu langer Zeit eine erforderliche Infrastruktur: es fehlen Orte, an denen geprobt und ausprobiert wird, Orte des Austauschs und vor allem natürlich profilierte Aufführungsstätten für zeitgenössisches Musiktheater. Da es das alles derzeit nicht gibt, haben Frank Düwel und ich die Produktionsplattform Stimme X gegründet. Die Eröffnung von Stimme X im LICHTHOF Theater soll ein Zeichen des Aufbruchs in die Wieder-Sicht- und Hörbarkeit des Mediums Musiktheater in Hamburg sein.

LICHTHOF | Was unterscheidet Musiktheater vom Musical?

Kapp | Im Musical ist in der Regel eine bestimmte Weise des Singens, des Spielens und des Geschichtenerzählens als Verabredung vorab bereits gesetzt. Musiktheater dagegen befragt permanent sich selbst als Medium und seine Entstehungsbedingungen und erweitert so die Sprache dieses Mediums. Nehmen wir Tarzan: eigentlich eine spannende Figur, die sich sprachlich-gesanglich artikuliert. Davon hört man aber im Musical nix. Das Musiktheater würde die Tarzan-Figur mal ernsthaft darauf abklopfen, wie sie ihre Existenz gesanglich artikulieren würde und dabei könnte etwas klanglich Eindrückliches entstehen.

Beim Musical schlägt leider zu oft der gewinnorientierte Kern seiner Entstehungsbedingungen auf die Art der Präsentation durchs. Dabei haben so großartige Werke wie "Porgy & Bess", "West Side Story" oder "Rent" eigentlich einen substanziellen musikdramatischen Kern. Den muß man aber herausarbeiten.

LICHTHOF | Was kann Musiktheater, was andere Theaterformen nicht können?

Kapp | Wenn Musiktheater gut gemacht ist, kann es mit den Mitteln des Klangs direkt den Körper treffen. Auch wenn wir im Theater vielleicht noch gar nichts verstehen, die Musik kann uns treffen. Stimme X bedeutet auch, zurückzukehren zu diesen elementaren Dingen des Mediums, etwa die Suche nach einer kommenden Stimme, die noch keiner gehört hat, weil es sie derzeit noch gar nicht gibt.

LICHTHOF | Dem Musiktheater scheint Interdisziplinarität inhärent zu sein. Ist das so? Welche Möglichkeiten oder Schwierigkeiten liegen darin?

Kapp | Derzeit sind Oper und Musiktheater eine Schöne Leich, die jedermann für seinen Lust- bzw. Statusgewinn ausweidet: Sprechtheater, Tanz und Performance benutzen Musik mal mehr, mal weniger intelligent und die Werbeindustrie schöpft mit vollen Händen aus dieser Quelle. Die traditionelle Oper am Stadttheater steht sich dagegen oft selbst im Weg, weil die gewohnten Produktionsabläufe andere Formen der Kollaboration nicht zulassen.
Interdisziplinarität bedeutet aber heutzutage ja, nicht nur die Inhalte, sondern auch die Modalitäten der Zusammenarbeit immer wieder neu zu definieren. Und da kann man im Rahmen von so einer kleinen Reihe wie Stimme X natürlich anders agieren als innerhalb der tradierten Kulturinstitutionen.

LICHTHOF | Was interessiert euch am Thema 'Stimme'?

Kapp | Jeder hat eine. Das ist die große Chance.

LICHTHOF | Am 14. und 15. November gibt es zwei Vorstellungen im LICHTHOF: Die Uraufführung von Tim Etchells Text "No Show" inszeniert von Ernst Bechert und das Tryout "wir/wir/wir" von Leo Hofmann und Benjamin van Bebber, das mit Derridas "Politik der Freundschaft" arbeitet. Auf beides assoziiere ich eher Sprachlichkeit und Textlichkeit, weniger 'Stimme'. Wie siehst du das Verhältnis von Sprache zur Stimme? Wie steht das Wort zu seiner Äußerung? Bedeutung zu Klang?

Kapp | Die Stimme-X-Jury hat auf der Basis von Konzepten versucht, die Stoffe zu finden, die grundsätzlich ein Potential hinsichtlich einer experimentellen Arbeit aufweisen. Ernst Bechert ist einer von jenigen nicht eben zahlreichen Hamburger Komponisten, der seit vielen Jahren mit dem Medium Musiktheater experimentiert. Das wollte die Jury würdigen. Benjamin van Bebber hat in mehreren Arbeiten einen suchend-forschenden Umgang mit dem Medium Musiktheater in Hamburg unter Beweis gestellt. Und was Derrida angeht: in Derridas Philosophie gibt es von Anfang an die Absicht, Stimme und Klanglichkeit als kommunikative und ästhetische Qualität nicht zu unterschätzen. Ein Musiktheater zu seinen Texten zu entwickeln, fand die Jury eine sehr schöne Herausforderung.

LICHTHOF | Wen oder was können wir infolge dieses Eröffnungswochenendes in der Musiktheaterreihe Stimme X noch erwarten?

Kapp | Nach der Eröffnung verlassen wir unsere Basis-Station, das LICHTHOF Theater, und unternehmen von Januar bis Mai kommenden Jahres fünf Touren zu den Rändern der Stadt. Und wir hoffen darauf, dass diese Ortswechsel das Musiktheater in Hamburg gut durchlüften.

LICHTHOF | Gibt es noch etwas?

Kapp | Wir hoffen, daß wir  im Juni des kommenden Jahres mit fetter akustischer Beute in das LICHTHOF Theater zurückkehren können, für eine Abschlusspräsentation mit einem kleinen Symposium zum Thema Stimme. Dann werden sehen, was wir gehört haben.



www.facebook.com/StimmeX


NO SHOW & WIR/WIR/WIR (Tryout)

Fr, 14. November, 20:15
Sa, 15. November, 20:15


Karten: 9,- € / 5,- € (ermäßigt)
Reservierungen und VVK: 040 855 00 840 // lichthof-theater.de / comfortticket.de
 
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