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DAS INTERVIEW zu PLACE TO BE - Ein Ort für Trauer, Transformation und Utopie 

Mit PLACE TO BE - Ein Ort für Trauer, Transformation und Utopie laden die Künstler*innen Anne Brammen, Anja Kerschkewicz, Felina Levits, die Band plastiq und Tian Rotteveel zu einem Selbstbestattungsritual. Inspiriert wurden sie für die Arbeit durch einen Zeitungsartikel über ein reales Selbstbestattungsinstitut in Seoul namens Happy Dying. Die künstlerische Variante ist eine interaktive Rauminstallation und feiert am 11.10.2018 am LICHTHOF Theater Premiere.

Was das Publikum erwartet und wie sie auf dieses Thema gekommen sind, beantworten die Initiatorin des Projekts Anja Kerschkewicz und die Dramaturgin Anne Brammen im Interview:   

 

Anne und Anja, wart ihr schon mal in Seoul?

Anne: Nein, niemand war in Seoul. Doch, ein Journalist, durch dessen Artikel wir auf das Therapiezentrum aufmerksam geworden sind.

Anja: Genau. Also physisch war ich noch nie da, aber gedanklich war ich ein paar Mal da. Unser Stück ist wesentlich von diesem real existierenden Therapiezentrum in Seoul inspiriert. Das Zentrum heißt Happy Dying und bietet Selbstbestattungen an, um Menschen von ihren Depressionen und anderen Leiden zu befreien. Ich habe in diesem Institut ein starkes Bild für unsere Zeit gesehen, in der Menschen, die unter Leistungsdruck leiden, sich selbst bestatten, um wieder zu sich zu finden. Und weil mich das so beschäftigt hat, wie eine solche Therapieform entstehen kann, wäre ich eigentlich im Juli 2018 dorthin geflogen, was dann leider nicht mehr klappte, weil wir dann schon mitten in den Proben für Place to Be steckten. Aber weil es schon fest geplant war, hatte ich im Vorfeld ziemlich viel über die Leistungsgesellschaft und den Turbokapitalismus in Korea gelesen. Bei dieser gedanklichen Reise habe ich Korea als ein Land gesehen, in dem Tradition und Technotrash aufeinanderprallen. Das war spannend und inspirierend. 

 

Was steht in dem Artikel über das Selbstbestattungsinstitut in Seoul und was davon habt Ihr für Euer Ritual übernommen?

Anja: Da steht beschrieben, wie das Ritual abläuft und das Menschen dort viel weinen. Ich denke, dass es bei Happy Dying darum geht, dass sich die Menschen mal Zeit nehmen und innehalten. Die Dinge ordnen, die sie beschäftigen. Unsere Version des Instituts ist kein Therapiezentrum. Es ist ein Kunstraum. Aber was uns mit dem Therapiezentrum verbindet ist, dass es auch hier darum geht innezuhalten und Dinge zu ordnen, die einen beschäftigen. Dabei haben wir den Fokus auf die Frage gelegt: Was soll sich eigentlich durch eine Selbstbestattung verändern und welche Grenzen sollen wir dabei überschreiten? Das hat uns dann zu einer Reise gebracht, auf der die Besucher*innen auch anderen Stimmen begegnen.

 

Warum beschäftigt ihr euch mit dem Tod? Und was fasziniert euch an einem Selbstbestattungsritual?

Anja: Der Tod ist die Grenze unseres Lebens. Tod und Vergänglichkeit holen einen auf den Boden der Tatsachen zurück und bleiben dabei ganz unbegreiflich. Im Kontext von Gedanken über den Tod, erscheinen einige Dinge klein, die vorher existenziell waren und andere werden zu einem großen Thema: Was bleibt am Ende übrig von all den Dingen, denen wir viel Bedeutung und Aufmerksamkeit geben? Worum geht es am Ende in unserem Leben?

Anne: Inhaltlich interessiert mich die Überforderung, wenn ich mich drauf einlasse: mein Tod ist mir so fern – und dann ist er auf einmal nah und ich sehe alles in einer anderen Relation.

An dem Ritual fasziniert mich die Vieldeutigkeit. Es könnte etwas sehr Spirituelles, Transzendentales sein oder etwas sehr Konkretes, Praktisches, Räumliches. Ich mag, dass es nicht sofort eine Schublade aufmacht.

 

Was ist der Place to Be für euch?

Anne: Schwierige Frage. I try: Place to Be ist der Ort, an dem wir für die Aufführung zusammenkommen. Es ist aber auch der Sehnsuchtsort, nach dem wir streben – und an dem viele scheitern.

Anja: Ja. Und der Place to Be ist etwas, das für alle Menschen unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Aber wir alle brauchen diesen Ort, an dem wir sein können. An dem uns ein Existenzrecht zugesprochen wird. Unser Place to Be ist ein Kunstraum, der über diese Fragen reflektiert.

 

In dieser Arbeit spielen die Themen Reise und Migration eine große Rolle. Wo seht Ihr da die Schnittstelle zu dem Selbstbestattungsritual?

Anne: Es gibt unglaublich viele Schnittstellen, die uns im Laufe des Projekts immer deutlicher wurden. Wir verstehen ein Ritual als eine Reise - mal mit offenem Ausgang, mal mit klarem Ziel. Aber es geht immer um eine Grenzüberschreitung, um eine Transformation von etwas in mir. Das sehen wir auch bei vielen Reisen: einerseits werden territoriale Grenzen überschritten, andererseits machen sich viele Menschen auf den Weg, um Veränderung in ihrem Leben herbeizuführen. Das kann auf einer touristischen Reise sein, oder auf einer migrantischen.

Besonders interessiert uns dabei die Gleichzeitigkeit von so viel verschiedenen räumlichen Bewegungen, die sich an denselben Orten treffen: am Strand, an der Grenze zwischen Land- und Meermasse.

Es finden gleichzeitig Reisen mit komplett offenem Ausgang und welche mit ganz klarem Plan statt - und das sehen wir auch im Selbstbestattungsritual. Es führt mich von der Beschäftigung mit etwas Vorstellbarem - meine Bestattung, die Gäste auf der Trauerfeier, etc. - hin zu etwas Unvorstellbarem: dem Ort des Jenseits, dem Gefühl von nicht-mehr-Sein, die Gemeinschaft der Toten.

Anja: Der Tod ist ein Übergang zu einem Ort, den wir nicht kennen. Dieser Gedanke, dass wir uns diesen Ort nicht vorstellen können, weil uns dieser Ort fremd ist, den finden wir auch, wenn wir auf Reisen gehen. Das ist eine Annäherung an einen Zustand: In der Fremde, also da wo wir Tod sind, wird unser Leben in einem anderen Licht erscheinen. Und dann tauchte da bei der Beschäftigung mit Reise ein real weltliches Thema wieder auf: Gibt es diese Orte eigentlich noch, an denen wir fremd sein können, wenn wir z.B. als Europäer reisen? Können wir uns selbst fremd werden? Und was müssten wir dafür eigentlich unternehmen?

 

Hat das Projekt eure Haltung zum Reisen verändert, oder zur Idee eines Selbstbestattungsrituals?

Anne: Ja, beide Haltungen sehr. Ich bin mir im Rahmen des Projekts sehr bewusst geworden, wie konsumistisch meine Haltung ist. Ich reise an einen Ort, mit der Erwartung etwas ganz Bestimmtes zu erleben, Motive von Bildern wiederzuerkennen, Aktivitäten zu machen, von denen ich gehört habe.

Und auch so ein Ritual: Ich mache das, damit ich mehr über mich weiß, tiefer vordringe, besser mit mir und der Welt klarkomme. Daraus spricht für mich einerseits eine sehr große Unsicherheit mit mir selbst im eigenen Leben, aber eben auch die Annahme, dass es durch die Teilnahme an einem Angebot gebessert werden kann. Da ist so wenig Vertrauen in die eigene Kraft oder in die Begegnung, Kommunikation und am allerwichtigsten: Wirkung, die mit und durch andere Menschen stattfinden kann.

 

Worauf muss ich mich gefasst machen, wenn ich bei dem Ritual mitmache?

Anja: Auf eine Gedankenreise und das Eintauchen in einen Erzählraum.

Anne: Wir laden dazu ein, Gedankenspielen von anderen zu folgen, die sich vorstellen was passiert, wenn sie Tod sind - und zwar zunächst vor allem, was dann hier bei den Hinterbliebenen passiert. Wer trauert? Wie?

 

Warum habt Ihr eine Installation gewählt und keinen klassischen Theaterabend? Eigentlich kommt ihr doch aus klassischen Theaterausbildungen, oder?

Anja: Ganz so einen klassischen Weg habe ich nicht gemacht. Ich habe an der Kunsthochschule Berlin Weißensee mit dem Bühnen- und Kostümbildstudium begonnen und dann an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe mein Diplom in Szenografie bei der Raum-Künstlerin Penelope Wehrli gemacht. Das war eine sehr prägende Zeit, in der ich vor allem an Audio- und Rauminstallationen gearbeitet habe. Unsere Suche im Szenostudio galt den Narrative Spaces, also Erzählräumen, die anders als mit klassischen Mitteln, Atmosphären aufbauen und Betrachter*innen in diesen Raum direkt einbeziehen. Ich habe im Anschluss an dieses Studium drei Jahre am Schauspielhaus Zürich als Bühnenbildassistentin gearbeitet und in dieser Zeit gemerkt, dass ich selbst die inhaltlichen Setzungen für die Stücke machen möchte, an denen ich arbeite. So kam es zum Regie Studium in Hamburg. Aber es war mir alles etwas zu klassisch dort und nun bin ich froh, in der freien Szene und am LICHTHOF Theater meine Theatervisionen umsetzen zu können.

Anne: Inhaltlich haben wir diese Form gewählt, da wir keine Geschichte erzählen und mit Performer*innen repräsentieren wollen. Wir interessieren uns bei diesem Projekt mehr für die künstlerischen Möglichkeiten, die eine ästhetische Erfahrung ausmacht. Das heißt, ein Theatererlebnis, das nicht primär über Text, also über ein rational verständliches Element, mit dem Publikum kommuniziert.

Bei uns ist es der Raum, der mit Licht und Musik und mit seiner Architektur kommuniziert und unsere Themen verhandelt - und die Stimmen, die den Text sprechen, sind nicht das Zentrum. Der Raum kommuniziert mit dir. In ihm hörst du die Erzählungen und Fragen von Menschen, er lädt dich ein, die anderen Zuschauenden wahrzunehmen, dich frei zu bewegen und die Vielseitigkeit des Raumes zu erkunden.

 

Habt ihr einen Lieblingssatz aus Place to Be?

Anja: Ein einzelner Satz… hmm. Vielleicht: Ich will nicht sterben.

Anne: Ich würde lieber mit weniger Erwartungen und Ansprüchen sterben.

 

Brammen / Kerschkewicz / Levits / plastiq / Rotteveel
PLACE TO BE
Ein Ort für Trauer, Transformation und Utopie

PREMIERE Donnerstag, 11.10.2018 | 18:30 Uhr
Donnerstag, 11.10.2018 | 21:00 Uhr
Freitag, 12.10.2018 | 18:30 Uhr
Freitag, 12.10.2018 | 21:00 Uhr
Samstag, 13.10.2018 | 18:30 Uhr
Samstag, 13.10.2018 | 21:00 Uhr
Sonntag, 14.10.2018 | 15:00 Uhr
Sonntag, 14.10.2018 | 18:30 Uhr
Karten € 8/ 12/ 18

 

Gefördert durch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg, die Hamburgische Kulturstiftung, die Claussen Simon Stiftung, die LICHTHOF Stiftung und die Rudolf Augstein Stiftung.

 

 
© 2018 LICHTHOF Theater Hamburg