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Foto (c) Gabriele Schwark

"Performance, Philosophie, Pornographie"

Die Philosophin, Regisseurin und preisgekrönte Filmemacherin Isabelle McEwen inszeniert die performative Collage INFAM, Premiere Sonntag, 26. Oktober, 19:00 Uhr. Im Gespräch mit dem LICHTHOF erzählt sie von Unterschieden zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit, Nacktheit als Bedrohung und der Gewalt von 'Gewöhnlichkeit'.


LICHTHOF | Isabelle, für Leute wie mich, die dich und deine Kunst kaum kennen: Wer dich recherchiert findet heraus, dass du in vielen Disziplinen unterwegs bist: Theater, Oper, Performance, intermediale Kunst—

Isabelle McEwen | Film mache ich auch.

LICHTHOF | Gehört das für dich zusammen?

McEwen | Das geht alles in eins über, es ist eine ähnliche Art zu denken. Ich mache auch Wissenschaft. Das ist dann eine ganz andere Art zu denken. Aber künstlerisch ist es ähnlich – egal ob es in Richtung Performance oder Theater geht. Die Prozesse unterscheiden sich natürlich. Beim Film mache ich zum Beispiel auch den Schnitt selbst. Da entsteht das Stück erst, wenn die Darsteller schon weg sind. Die Prozesse unterscheiden sich, aber es bleiben künstlerische Prozesse. Die Synapsenverbindungen ähneln sich.

LICHTHOF | Was unterscheidet diese Synapsenverbindungen von—

McEwen | Die sind intuitiver. Sie laufen entlang meiner Art zu denken. In der Wissenschaft gibt es strenge Strukturen, denen man folgen muss. Obwohl es schon Philosophen gibt, wie zum Beispiel Foucault, die nicht so streng akademisch gearbeitet haben und die ich als Künstlerin sehr bewundere.

LICHTHOF | Französische Intellektuelle besonders.

McEwen | Ja, die schreiben viel freier, als es an den Universitäten üblich ist. Sie wurden an den Universitäten auch nicht unbedingt anerkannt.

LICHTHOF | Und sind doch häufig die, die spätere Generationen stark prägen.

McEwen | Wobei man in der Philosophie-Fakultät in Hamburg von ihnen gar nichts wissen will. Aber im Großen und Ganzen sind es die, über die man spricht. Und die haben dann Menschen wie Slavoj Žižek beeinflusst, der auch eher frei arbeitet. Als Künstlerin stehe ich natürlich auf solche Leute.

LICHTHOF | Worüber hast du promoviert?

McEwen | Über eine eigene Theaterarbeit, HURE, die ich hier [am LICHTHOF] auch gezeigt habe. Über den Sprung von einem Roman in eine multimediale Arbeit.

LICHTHOF | Über den Adaptionsprozess?

McEwen | Ja, aber in Verbindung mit Pornografie. Das ist ein pornografischer Text, wenn auch nicht im ganz traditionellen Sinne. Das ist eine Form von Pornografie, die in den 90er Jahren in Frankreich entstanden ist. Ich nenne sie Neue Pornografie. Ich habe über Bilder des Körpers in der Schrift und auf der Bühne geschrieben.

LICHTHOF | Damit hast du 2006 den ersten Preis beim 1. Pornfilmfestival Berlin gewonnen.

McEwen | Ja. Ich habe aus dem Filmmaterial der Performance mehrere Kurzfilme gemacht. Einer davon hat diesen Preis gewonnen.

LICHTHOF | Du bist die Künstlerin der drei Ps: Philosophie, Performance, Porno. (Lachen) Das sind drei Felder, mit denen das LICHTHOF-Stammpublikum nicht unbedingt vertraut ist.

McEwen | Wahrscheinlich nicht. Das sagt auch Monika Reinboth: "Sowas mögen sie hier nicht!" (Lachen) Ich finde es aber gut, dass ihr es trotzdem macht und versucht, die Grenzen ein bisschen zu bewegen. Es gibt auch jetzt in dieser Aufführung eine Frau, die relativ nackt ist. Das ist eine Sache, die in Deutschland schwierig ist. In Frankreich ist das nicht so. Es gibt viele Künstler die ernsthaft mit Nacktheit arbeiten. Nicht auf eine vulgäre Art und Weise. Sie setzen den Körper als Ausdrucksmittel ein. Als etwas, was man ernst nimmt und nicht als etwas Frivoles oder—

LICHTHOF | Oder Bedrohliches.

McEwen | Ja, bedrohlich! Eine gute Bekannte sagte mir einmal: "Ich gehe schon länger nicht mehr ins Theater. Ich habe immer Angst, dass ich jemanden nackt auf der Bühne sehe." Dabei finde ich, dass es heute extrem selten ist. Da muss die Angst enorm sein, dass sie so etwas sagt. (Lacht) Für mich ist das sehr befremdlich, weil ich einen nackten Körper nicht hässlich finde. Vielleicht ist es auch eine kulturelle Geschichte. Vielleicht komme ich aus einer französischen Tradition, in der es eher akzeptiert wird. In der Zeit der französischen Revolution waren Philosophie und Pornografie im Grunde dasselbe Paket gefährlicher Schriften. Es hat lange gedauert, bis im späten 19. Jahrhundert die Kategorie des Obszönen erfunden wurde. Am Anfang war es alles das Gleiche. Aber in der französischen Tradition ist die Verbindung von Körper und Philosophie erhalten geblieben. Beides konnte als Kritik gegen die Gesellschaft eingesetzt werden – und nicht nur als irgendwas Frivoles oder Vulgäres.

LICHTHOF | Dazu fallen mir zwei Sachen aus dem Vorfeld von INFAM ein, die mich zugleich amüsieren und interessieren. Zum einen die Sache mit dem Poster. Du hast uns deine Poster geschickt und ich dachte: "Oh, die sind ja rechts und links abgeschnitten, sicher hatte sie keine Zeit mehr, machen wir neue, sodass es im LICHTHOF Foyer gut aussieht." Sicherheitshalber habe ich dir dann noch einmal geschrieben—

McEwen | Du hast mir sozusagen meine eigene Vorlage geschickt, das ist das, was ich total lustig fand. Ich dachte: "Wenn sie die haben wollen, die hätte ich ihnen auch schicken können." (Lachen) "Dass sie sich soviel Mühe geben, das zu rekonstruieren! Was für eine archäologische Arbeit!"

LICHTHOF | Absolut! Wir dachten: "Wir 'korrigieren' es jetzt damit es 'passt.'" Das war der erste Irritationsmoment. Dann habe ich vor ein paar Tagen auf Facebook das Foto, das auch auf dem Poster ist, als Header bei LICHTHOF eingesetzt. Schnell gab es einen Kommentar, wo wiederum jemand irritiert war und es doof fand, dass da ein halber Busen hervor blitzte und jemand irgendwie—

McEwen | "Muss das sein?"

LICHTHOF | Genau: "Muss das nun sein? Was soll mir das jetzt sagen?"

McEwen | Das wird in der Aufführung thematisiert.

LICHTHOF | Das dachte ich mir.

McEwen | Es ist das Vorwort im Stück—

LICHTHOF | Der Facebook-Eintrag?

McEwen | Nein, ich bin nicht bei Facebook, das habe ich gar nicht gesehen. Das Kostüm wird thematisiert. Warum dieses Kostüm? Vielleicht wird das nicht erklärt, aber es wird thematisiert.

LICHTHOF | Um der Korrektheit Willen: Der Facebook-Kommentar bezog sich auf den echten Busen, der halb zu sehen ist.

McEwen | Ja stimmt. Gut, ok, das Kleid war nicht für sie gemacht. Das war nicht gewollt. Aber das finde ich eigentlich nicht schlimm.

LICHTHOF | Das Stück heißt INFAM. Was bedeutet das für dich und an diesem Abend?

McEwen | Das erzähle ich am Anfang der Aufführung. Im Grunde genommen wollte ich etwas anderes machen. Eigentlich wollte ich einen Abend über Foucaults Text "Das Leben der infamen Menschen" machen. So habt ihr es ja auch angekündigt. Mich hat fasziniert, dass Foucault sich für Texte interessierte, die mich in ähnlicher Form an der Mopo interessieren. Ich hatte vor einigen Jahren angefangen, sie zu sammeln, und dann gesehen: Foucault hat aus solchen Texten eine theoretische Abhandlung gemacht. Texte über das 'gewöhnliche Leben', darüber dass eine Frau sich beschwert, dass ihr Mann sie schlägt. Als dann im Sommer die ganzen Geschichten in Gaza, im mittleren Osten passierten, ging es in eine andere Richtung. Aber das Ungewöhnliche im Großen, wo nicht nur eine Person, sondern ganze Völker vernichtet werden, das habe ich dann mit dem Foucault-Text weiter entwickelt. So ist dieser Abend eine Weiterentwicklung dessen, was in der Theaternacht zu sehen war. Die Vernichtung ganzer Völker durch eine Macht, die immer die gleiche ist. Die Macht von Imperien, die alles zusammenschlagen, um an Ressourcen zu kommen, und so tun, als würden sie sich um die Leute Gedanken machen. Das ist natürlich nicht der Fall. In beiden Fällen, im Kleinen und Alltäglichen wie im Größeren, der internationalen Politik, erkennt man eine Macht, die Menschen für ihre eigene Sicherung kaputt macht.

LICHTHOF | Foucault geht es bei der Frage von Macht ja auch immer um die Kontrolle dessen, was gesagt und gedacht werden kann. Wie wird das Infame geschaffen, um es im zweiten Schrift als infam zu behandeln?

McEwen | Ohne den Blick von außen, das ist die These von Foucault, gibt es nichts Infames. Man ist nicht von Natur aus infam, man wird dazu gemacht. Wenn man über Gaza spricht und sagt: "Die Hamas ist infam", dann ist das auch ein Blick von außen, besonders aus der Position der Israeli. Von innen gibt es andere Sichtweisen. Ich will sie nicht zu Helden machen, aber es gibt andere Sichtweisen. Man kann über die ganzen Phänomene sprechen, ISIS und so. Das sind alles Sachen, die wir eigentlich selbst gemacht haben. Wir sagen: "Das ist infam!" Aber Moment mal – vielleicht haben wir selbst ganz viel damit zu tun.

LICHTHOF | Du sagst, jeder Gedanke über das Infame ist ein Gedanke über uns selbst.

McEwen | Ja. Das geht soweit, dass wir als 'normale' Menschen in unserer Gesellschaft schon ein Teil der Macht sind.

LICHTHOF | Weil wir das Privileg haben, uns als 'normal' verstehen zu dürfen.

McEwen | Solange man nicht derjenige ist, der angegriffen wird, ist man Teil der Macht. In dem Moment, wo man jemanden als infam bezeichnet, ist man Teil der Macht. Es ist immer ein Blick auf uns selbst. Auf unsere Art zu urteilen. Darüber spreche ich an diesem Abend und biete verschiedene Blicke und Stimmen an, um zu sehen: Was hat es mit diesem Blick auf sich? Wie wird jemand zu jemandem gemacht?


Isabelle McEwen arbeitet als Theater- und Opernregisseurin, als bildende Künstlerin und seit den 1990ern vermehrt an intermedialen Performance-Projekten. Im LICHTHOF zeigte sie bereits mehrere ihrer Arbeiten, zuletzt die multimediale Performance Van Goghs Schmetterling.

home.snafu.de/i.mcewen/


INFAM
Premiere So, 26. Oktober 2014
Beginn 19:00

Karten: 15,- € / 10,- € (ermäßigt)
Reservierungen und VVK: 040 855 00 840 // lichthof-theater.de / comfortticket.de
 
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