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Foto (c) Bernd Stegelmann

"Meine verlängerte Geste"

Seit 1988 entwickelt Marc Schnittger seinen charakteristischen Stil des visuellen Theaters. In seinen Inszenierungen kombiniert er Schauspiel und Figurentheater mit Handpuppen und lebensgroßen Figuren. Am 8. und 9. November ist er mit seinem preisgekrönten HAMLET zu Gast im LICHTHOF Theater. Im Interview spricht er mit dem LICHTHOF über das Label 'Figurentheater', Schauspiel als Zentrum seines Schaffens und natürlich über seinen Hamlet.


LICHTHOF | Marc, du bist nicht nur Puppenspieler, sondern auch Schauspieler. Hast du zuerst eine Schauspielausbildung gemacht?

Marc Schnittger | Umgekehrt. Ich bin von klein auf immer Puppenspieler gewesen. Mit sechs Jahren habe ich angefangen Puppen zu bauen und zu spielen und Stücke zu schreiben. Das ist mein Leben. Und ich habe immer Musik gemacht, was man meinen Produktionen heute, so sagen mir viele, auch anmerkt. Musik, Theater und Puppen waren immer mein Ding. Mein Kunstlehrer sagte mir dann irgendwann: „Marc, so geht das nicht, das musst du anders machen.“ Er brachte mich dazu, professionelle Figurentheater-Seminare zu besuchen. Damals gab es noch diverse Einrichtungen, die heute alle im Zuge diverser Sparzwänge nicht mehr existieren. Dort habe ich mich zuerst ausbilden lassen. Mit ungefähr zwanzig bekam ich einen Hinweis auf den Studiengang Figurentheater, der an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst angegliedert war.

LICHTHOF | Wo war das?

Schnittger | In Stuttgart. Das war damals ein sehr junger Studiengang, neben dem an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule der einzige, der im Bereich Figurentheater überhaupt existierte – abgesehen von einigen privaten Angeboten, u.a. in Frankreich. Dort habe ich es aber nur ein Jahr ausgehalten, weil ich schnell gemerkt habe, dass im Zentrum jeder Theaterform das Schauspiel steht. Ich traf Leute außerhalb der Hochschule, die ähnlich gedacht haben und die mich dazu inspiriert haben mich an einer Schauspielschule zu bewerben. Ich bin schließlich in Hamburg gelandet und habe dort eine Schauspielausbildung gemacht. Das war für mich die Initialzündung. Bis dahin war ich naiv. Die Seminare und Stuttgart haben mich zwar für das Formale im Figurentheater geöffnet, aber nicht für das Sinnliche. Das habe ich erst in Hamburg gelernt.

Figurentheater war zu der Zeit auch noch nicht so richtig profiliert. Das Problem existiert bis heute. Die Szene ist extrem inhomogen, mehr als ich es in anderen Theaterformen wahrnehme. Es gibt eine so große Bandbreite von Stilen, Ausdrucks- und Organisationsformen – vom zappeligen Spaßtheater bis hin zum hochkomplexen Zeichentheater; von Streichholzfiguren bis hin zu zehn Meter hohen Straßentheaterfiguren, es gibt den Laien auf der einen Seite und den spezialisierten, in einem Stadttheaterensemble arbeitenden Kollegen auf der anderen Seite – dass die Einschätzung über die Qualität von Figurentheater selbst Fachleuten sehr schwer fällt.

LICHTHOF | Weil alles den gleichen Namen hat.

Schnittger | Ja. Du sagst Puppentheater und sofort öffnet sich eine Schublade, die das enthält, was derjenige in seinen bisherigen Leben darüber gehört hat. Ich muss immer wieder erklären, was ich tue, und das wird auch bis zu meinem Lebensende so bleiben. Und in der Regel muss ich die Erwartungen eher hoch- als runter schrauben. Da ist immerwährende Aufklärungsarbeit angesagt. Aber das kennen wir alle mehr oder weniger. Du spielst in einer Laienbühne, im High-End-Staatstheater oder in der Off-Szene: Die Tätigkeitsbezeichnung allein sagt gar nichts. Wichtig allein ist, dass man eine Basis hat, von der aus man immer wieder schaffen kann.

LICHTHOF | Die für dich das Schauspiel ist.

Schnittger | Ja. Die Gesetzmäßigkeiten, die damit zusammenhängen, die ganze Raum-, Körper- Psyche-Erfahrung. Letztendlich ist das Schauspiel Zentrum unserer Arbeit.

LICHTHOF | Dann stellt sich für mich eine Frage ganz besonders. Ich habe noch nie eine Puppe in der Hand gehabt –

Schnittger | Mal zwischendurch gefragt: Aus welchem Fachbereich kommst du denn eigentlich?

LICHTHOF | Ich bin Kulturwissenschaftler und war in Bremen lange in der freien Off-Szene auf und neben der Bühne unterwegs. Momentan stehe auch unregelmäßig mit einem Improtheaterquintett auf der Bühne und habe da übrigens dasselbe Problem wie du. Es gibt diesen Begriff Improtheater und alle glauben, das sei immer dasselbe.

Schnittger | Genau.

LICHTHOF | Wenn man da sagt „Wir spielen anders, wir spielen eine Stunde am Stück und es wird nicht die ganze Zeit gelacht“, weiß schon keiner mehr, was man sich darunter vorstellen kann.

Schnittger | Ja, genau, beim Improtheater denken die meisten doch nur an ein kurzweiliges, sketchhaftes Programm, das von weniger ausgebildeten Leuten – was ja kein Problem ist – mehr oder weniger lustig dargeboten wird. Welches Potenzial da drin steckt, wird einem eigentlich erst bewusst, wenn man den Vergleich hat.

LICHTHOF | Mich würde ein improvisiertes Puppentheater interessieren, das von Menschen gemacht wird, die beides können und ernst meinen.

Schnittger | Absolut.

LICHTHOF | Zurück in dein Metier. Ich kann mir nicht vorstellen, was passiert, wenn ich meine Hand in einen Kopf stecke. Wenn ich eine Puppe, eine Marionette habe – ich weiß nicht, ob du mit dem Begriff hantieren würdest ...

Schnittger | Es ist ganz wichtig, da eine Unterscheidung zu treffen. Der Oberbegriff ist Puppe oder Figur. Die Marionette hängt immer an Fäden. Daneben gibt es die Handpuppe, die Klappmaulfigur, die Großfigur, Stabfigur, Schattenspielfigur, Flachfigur, Trickfilmfigur, Bunraku-Figur usw. Ich spiele dezidiert mit Großfiguren und Handpuppen. Für diese Formen habe ich mich entschieden, darauf bin ich spezialisiert.

LICHTHOF | Weil sie dem Schauspiel am nächsten sind?

Schnittger | Für mich ja. Ich verstehe die Puppe als meine verlängerte Geste. Je dichter ich an der Figur bin oder in ihr stecke, umso besser. Damals in der Schauspielschule haben wir auch Maskentheater gemacht. Das kommt dem Figurentheater recht nahe. Ob ich die Maske vor dem Gesicht trage oder die Hand nehme, ist zwar ein optisch-sinnlicher Unterschied, aber kein handwerklicher. Der Impuls, der vom Spieler ausgeht, muss der gleiche sein. Der Unterschied ist nur, dass du dich beim Spiel, wenn du die Maske abnimmst und sie allein bewegst, beobachten kannst. Das ist die Chance und zugleich das Fatale. Durch die Selbstbeobachtung geschieht schnell eine verfremdende Kontrolle. Natürlich muss man wissen, wie man eine Figur bewegt, aber man ist auch schnell überkontrollierend und vergisst das Organische. Ein Schauspieler kann sich von außen nicht beobachten. Er hat nur in Zusammenarbeit mit der Regie die Chance zu seiner Rolle zu finden. Ansonsten muss er subjektiv aus sich selbst schöpfen. Darin steckt sein Potenzial. Natürlich musst du wissen, wie du von außen wirkst und lernst mit der Erfahrung auch deine Wirkung einzuschätzen, aber beim Spiel reflektierst du darüber eigentlich nicht mehr. Aber viele Puppenspieler tun das leider notorisch. Durch dieses permanente Beobachten der Figur, die sie spielen, verlieren sie schnell das Organische. Und das macht viele Puppentheaterproduktionen so konstruiert, steif, sperrig, nicht authentisch, zuweilen kalt, oft zu intellektuell und überkomplex. Da bin ich absolut kein Freund von. Im Gegenteil, so bewusst ich bei der Figuren-/Rollenentwicklung bin, in dem Moment, wo ich es einmal drauf habe, versuche ich alles reinzugeben, wie ich es als Schauspieler gewöhnt bin und zu vergessen, dass es eine Puppe ist. Meine Erfahrung ist, dass eine Figur nur dann wirklich stark wird – weil sie lebendig ist.

LICHTHOF | Im theaterästhetischen und kulturellen Diskurs, ob populär oder intellektuell, dient das Puppenspiel häufig als Metapher göttlicher oder schöpferischer Kontrolle mit diversen Spielarten der Selbstreferenzialität im Schlepptau. Ist es das, was zu der von dir beschrieben Kühle, Langeweile, Überkonzeption führt?

Schnittger | Ja, möglicherweise. Ich weiß natürlich nicht, ob ich meinem eigenen Anspruch immer gerecht werde (lacht), ich formuliere hier nur mein Ideal. Das ist aber wichtig, nur so bewegt man sich vorwärts. Es ist ein immerwährender Prozess des Arbeitens und Sich-Weiterentwickelns, der stark mit deinem Arbeitsumfeld zusammen hängt. Mit der Regie, der Dramaturgie, den Spielkollegen, den Leuten, die dasselbe fühlen und denken und sich mit dir in die gleiche Richtung bewegen und auch den Spielstätten, wo du auftrittst... Ich habe auch in Häusern oder auf Festivals gespielt, wo ich gar nicht verstanden wurde. Für die war ich zu konventionell. Es gibt eine Riesenszene, in der man es total geil findet, wenn es verquarzt und intellektuell ist. Bis zu dem Punkt, dass eine Theaterfigur im schauspielerischen Sinne gar keine Figur mehr ist, sondern nur noch Zeichen. Das wird von einigen richtig gepflegt. Ich kann damit überhaupt nichts anfangen, mir wäre das absolut peinlich. Aber man muss wissen, dass es solche Szene gibt. Im Umfeld der Stuttgarter Hochschule zum Beispiel. Dort liebt man sowas. Da geschehen zwar Dinge, aber das Material wird nur marginal zur Rolle, es bleibt vorwiegend Material in allen seinen Eigenschaften. Mir geht das komplett ab. Es ist mir zu weit weg von allem, was ich unter Theater verstehe und berührt mich nicht. Ich meine das nicht despektierlich den Kollegen gegenüber, ich muss aber deutlich sagen, wovon ich mich abgrenze.
 
Für mich gehört auch dazu, dass ich als schauspielender Bildhauer meine Puppen selbst baue. Wenn ich an eine Rolle denke, läuft vor meinem inneren Auge immer mit ab, wie sich diese Figur körperlich anfühlt und dadurch aussehen muss. Das sichert auch die Homogenität der gespielten und materiellen Rolle. Es geht nur dann, wenn man beides angreift und umsetzt.

LICHTHOF | Lass uns von HAMLET sprechen. Hamlet ist eine Figur, die viele Leute gut zu kennen glauben, meist als Grübler, Melancholiker, Depressiven, Zaudernden oder etwas in der Art. Du spielst das Stück seit vielen Jahren. Was hast du über die Rolle Hamlet während der Zeit gelernt?

Schnittger | Zum einen, dass die Figur deshalb so komplex ist, weil sie so viele Deutungsmöglichkeiten zulässt. Wenn ich nur von meiner Erfahrung spreche, die auch nur einen kleinen Bereich abdeckt, dann habe ich ganz schnell erkannt, dass das Problem von Hamlet ist, dass er sich in die verschiedenen Standpunkte der handelnden Personen hineindenken kann. Er ist kein Vertreter der Renaissance mehr, der einfach so drauflos schlägt, Rache für Rache und Blut für Blut. Als Vertreter das Barock hat er gelernt zu respektieren, dass es ein Recht geben muss, einen Rechtsstaat. Dass es jenseits des individuellen Rachegedankens eine übergreifende Justiz geben muss. Er vertritt diesen reflektierenden Geist, der sagt: „Es gibt nicht nur meine, sondern verschiedene Wahrheiten.“

So nimmt er zum Beispiel den Standpunkt seines Vaters ein, der ihn ja zur Rache auffordert, indem er sagt: „Dein Onkel hat mich umgebracht. Ich erwarte von dir, mein Sohn, dass du mich rächst.“ In dieser Aufforderung stecken gleich zwei Probleme und Fragen. Zum einen: Ist es legitim, dass ein Sohn Blutrache für seinen Vater ausübt? Zum anderen: Ist die Erscheinung seines Vaters Realität oder seine Vision? Sagt der Geist die Wahrheit oder visioniert hier Hamlet sein eigenes Wunschdenken? Bis zum Ende weiß man das nicht mit letzter Sicherheit. Insofern verstehe ich Hamlet nicht als Zauderer ohne Eier, sondern als jemanden, der schlicht nicht weiß, wo die Wahrheit steckt. Deshalb war es für uns naheliegend, den Diskurs, den Hamlet letztendlich mit sich selbst ausführt, plastisch darzustellen, indem er sich in die verschiedenen Personen um ihn herum hineinversetzt – ganz „real“, indem er sich selbst gebaute Puppen auf den Arm steckt, sie vorführt, mit ihnen streitet, kämpft oder versöhnt. Er verliert sich auch in Ihnen. Er stürzt sich in die Tatkraft und den Übermut von Laertes, in die Verletzlichkeit von Ophelia oder in die hemmungslose Sinnlichkeit von Claudius. Aber was lernt er aus den Figuren und was projiziert in sie hinein? Findet oder verirrt er sich?

Hamlet ist für mich jemand, der einerseits reflektiert, der aber gleichzeitig im Handeln die Wahrheit herausfinden will. So kam es zur Rolle einer multiplen Persönlichkeit, die sehr viel mit uns Puppenspielern zu tun hat. Die Notwendigkeit, schnell und bestmöglich die Rollen und Standpunkte zu wechseln, kann im Puppentheater auf die Spitze getrieben werden. Spannend ist jedes Mal, was sich daraus inhaltlich ergibt. Im HAMLET fand ich das Idealstück für die Behandlung dieser Fragen.

marcschnittger.de

HAMLET
Sa, 08. November, 20:15
So, 09. November, 19:00

Am Sonntag, 9. November lädt der Verein der Freunde und Förderer des LICHTHOF e.V. im Anschluss an die Vorstellung zum Publikumsgespräch.

Karten: 15,- € / 10,- € (ermäßigt)
Reservierungen und VVK: 040 855 00 840 // lichthof-theater.de / comfortticket.de
 
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