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"Irgendwo im System hakt es"

KeinOrt.Finsternis ist eine performative Suche nach Ursachen und Auswirkungen der hierzulande am weitest verbreiteten psychischen Erkrankung: Depression. Aufbauend auf Erfahrungsberichten und literarischen Vorlagen entsteht das Kaleidoskop eines Krankheitsbildes, das sich in poetischen Bekenntnissen niederschlägt. Anne Schneider ist freie Regisseurin und Künstlerische Leiterin von Hauptsache Frei - Festival der Darstellenden Künste Hamburgs. KeinOrt.Finsternis ist nach Das BiestA der zweite Teil ihrer Trilogie Außenwelten. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Hamburg.


LICHTHOF | "KeinOrt.Finsternis" ist nach "Das BiestA" (am LICHTHOF zu sehen im Februar 2016) der zweite Teil der Trilogie "Außenwelten". Was hat es mit dieser Reihe auf sich?

Anne Schneider | Ich untersuche verschiedene Aspekte von Außenseitertum. Sehr viele Menschen fühlen sich - aus verschiedensten Gründen - nicht zugehörig. Zum Teil ist dieses Gefühl krankheitsbedingt und nur die wenigsten von uns können sich ein entsprechendes Leben vorstellen, die Konsequenzen für die Betroffenen sind jedoch enorm. Nach "Das BiestA" kamen oft Zuschauer_innen auf mich zu, die nachgefragt haben, ob tatsächlich 7,5 Mio. Menschen in Deutschland funktionale Analphabet_innen sind. Einer Ärztin beispielsweise wurde durch die Aufführung bewusst, dass einige ihrer Patient_innen betroffen sein könnten. 

Ich möchte mit meiner Trilogie etwas über unsere Gesellschaft und unser alltägliches Miteinander herausfinden. Irgendwo im System hakt es und ich bin der Meinung, dass man gerade über die Analyse des Umgangs mit sogenannten Außenseiter_innen einiges über unsere Mechanismen herausfinden kann. Zugehörigkeit ist für mich aktuell ein sehr großes und bewegendes Thema.

Du greifst verschiedene Elemente aus deiner ersten Produktion "Das BiestA" auf, andere variieren stark. Was hat es damit sich auf sich?

Ich versuche für die jeweilige Thematik eine sinnliche Übersetzung zu finden. Bei Analphabeten spielt die visuelle Wahrnehmung eine große Rolle, Orientierung findet sehr stark über Farben und Formen in der Umgebung statt, daher habe ich für diese Produktion mit einem Maler zusammengearbeitet. Bei depressiv Erkrankten hat das körperliche Empfinden eine große Bedeutung bzw. die Krankheit wirkt sich sehr stark auf den Körper aus. Aus diesem Grund arbeite ich diesmal mit der Choreografin Victoria Hauke und Tänzerinnen zusammen. Die gleichbleibenden Elemente ergeben sich aus dem Überthema der Trilogie - die Biester der Gesellschaft.

Auch diesmal verwendest Du eine literarische Vorlage. Was macht Christa Wolfs Text "KeinOrt.Nirgends" so interessant für diese Thematik?

Mich fasziniert der Text schon sehr lange. Die Sprache ist unglaublich schön und eindringlich. Als wir mit unseren ersten Interviewpartner_innen gesprochen hatten, habe ich festgestellt, wie viele Aspekte der Krankheit sich in Christa Wolfs Text wiederfinden, obwohl es nicht explizit ein Text über Depression ist. Und ist es nicht bemerkenswert, dass Kleist und Günderrode teilweise mit sehr ähnlichen Dingen hadern wie unsere Gesprächspartner_innen, obwohl so viel Zeit vergangen ist? Im Gespräch mit einer Psychiaterin wurde klar, dass Depressionen sich auch so ausbreiten können, weil die Krankheit nach wie vor ein riesiges Tabu ist.

Was erwartet uns an diesem Abend?

In erster Linie ein großartiges Ensemble! Die Zusammenarbeit mit Victoria Hauke, mit Judith Rosmair und Rainer Strecker, sowie den Tänzerinnen Swanhild Kruckelmann und Lisa Rykena und dem Vocalographen Till Jose Paar habe ich als ein großes Geschenk empfunden. Sich mit so einer Truppe auf die Erkundung eines Texts wie "KeinOrt.Nirgends"  zu begeben, macht großen Spaß und ich denke, dass merkt man der Inszenierung an. Es wird ein bewegender Abend, der hoffentlich Türen öffnet. Ich freue mich riesig auf die Gespräche nach den Aufführungen!


KEINORT.FINSTERNIS

Frei nach Motiven von Christa Wolf
URAUFFÜHRUNG Donnerstag, 06.10.2016 | 20:15 Uhr
Freitag, 07.10.2016 | 20:15 Uhr
Samstag, 08.10.2016 | 20:15 Uhr (Publikumsgespräch im Anschluss)
Sonntag, 09.10.2016 | 19:00 Uhr
 
© 2017 LICHTHOF THEATER Hamburg