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(c) Marcel Weinand

"Ein reiner Spekulationsabend"

Marcel Weinand inszeniert mit Eva Engelbach den zweiten Teil seiner Trilogie über Serienmörder: HONKA - FRAUENMÖRDER VON ALTONA (Premiere 12. Dezember 2014). Im Gespräch mit dem LICHTHOF erzählen Engelbach und Weinand von gepressten Reimen, der Attraktivität des Widerwärtigen und der (Un-)Wirklichkeit des Medienmonsters Fritz Honka.


LICHTHOF | HONKA ist Teil einer Triologie über Serienmörder. Marcel, was spricht dich an Serienmördern an?

Marcel Weinand | Das Serielle. (Lachen) Im Ernst, das ist wirklich ein Aspekt. Dass das Motiv wiederholt wird. Bei Mord nach Spielplan ging es ja letztlich um das Motiv, warum sich der Mörder durch die Hamburger Theaterlandschaft mordet. Bei Honka ist dieses Motiv nicht richtig herauszufinden, was es aber sehr geheimnisvoll macht. Das Sensationelle ist auch wichtig. Jemand, der einen Menschen umgebracht hat, ist natürlich weit weniger spannend, als jemand der gleich mehrere ermordet hat.

Wird das ein Abend über die Psychologie von Fritz Honka?

Eva Engelbach | Oh Gott! (Lachen)

Weinand | Nein.

Wieso nicht?

Engelbach | Das will man nicht.

Weinand | Das kann man auch gar nicht.

Engelbach | Das ist ein reiner Spekulationsabend. Woher sollen wir Honkas Psychologie kennen? Keiner kennt sie.

Womit arbeitet ihr stattdessen?

Engelbach | Mit viel Phantasie. Und mit dem ganzen reißerischen Zeug.

Weinand | Wir haben die Verwertungsmaschine nochmal geschröpft.

Wie sieht die Maschine aus? Wo kommen eure Texte her?

Weinand | Vieles kommt aus der Zeitung. Ich hab das ganze Zeug im Internet gesammelt. Einiges vom Hamburger Abendblatt. Die haben sich damals sehr viel aus den Fingern gesogen. Da gibt es zum Beispiel einen kleinen Bericht über einen Kommissar, der im Präsidium am Berliner Tor die ganzen Musikkassetten aus der Wohnung von Fritz Honka abhören musste. Man dachte, man würde dort vielleicht etwas finden, was er zufällig aufgenommen hat und einen Hinweis geben könnte. Wenn du sowas liest, denkst du nur: „Wow! Geile Szene!“

Es ist also ein Abend an der Oberfläche des Textes. Es geht um keinen Menschen, keine Referenz, keine Wahrheit.

Weinand | Es gibt ja auch nichts. Wir haben ja nichts. Überhaupt kein Material.

Engelbach | Wir haben schon viel Material, aber das hat nichts mit der Wahrheit zu tun.

Weinand | Also wir haben kein besonderes Material. Wir wissen gar nichts über die Opfer, was ja auch in der Natur der Sache liegt. Wir wissen aber auch nichts über den Honka. Nur das, was alle wissen. Wir wissen nicht, wie der gesprochen hat. Wir wissen nicht, was der gedacht hat. Wir haben uns auch nicht bemüht. Es ist eine klare Entscheidung: Wir nehmen nur, was in der Zeitung steht. Und das, was wir dazu phantasieren wollen. Total unwissenschaftlich. (Lachen)

Gibt es keine Protokolle von den Gerichtsverhandlungen?

Engelbach | Doch, die gibt es. Ebenfalls sehr dubioses Material.

Weinand | Tatsächlich war im Abendblatt nach jedem Prozesstag ein Bericht. Das habe ich irgendwann zusammengeschrieben und dann ausgesiebt. Zum Schluss hatten wir dann eine Szene, die nur die Gerichtsverhandlung ist.

Engelbach | Und sie ist komplett durchgereimt. (Lachen) Wie so eine Verhandlung aufgebaut ist, wusste ich vorher auch nicht im Detail. Da haben wir zum Glück einen Insider an Bord.

Einen Anwalt?

Weinand | Jörg Oswald. Ossi spielt den Bossi. (Lachen)

Engelbach | Von dem konnten wir einige Informationen über den Aufbau so einer Verhandlung bekommen. Marcel hat es dann auch schön strukturiert von Tag eins bis zehn. Ich habe immer gedacht: „Oh Gott, das wird so langweilig!“ Dann herauszufiltern, worauf es wirklich ankommt – das fand ich schwierig. Richtig lustig wurde es an dem Moment, als wir uns für Reime entschieden.

Weinand | Vielleicht ist das eine Preisfrage für die LICHTHOF Website: Was reimt sich auf Sachverständiger? (Lachen)

Engelbach | Ich bin die Jury!

Vielleicht Fachtierbändiger. (Lachen)

Engelbach | Meine Musik entsteht meist auf Basis von den Texten. Die sind fast immer gereimt und in einen Rhythmus gepresst. Ich breche so einen Reim gern übers Knie. In diesem Fall ist es auch ganz schön, weil Bossi seinen Fall so zurecht biegt, dass er es begründen kann, einen Menschen wie Honka freizusprechen. Dazu passt es, auch die Reime gnadenlos durchzuziehen.

Weinand | „Auf jeden Fall ist er / Ein prima Sachverständiger“ (Lachen)

Ich habe noch immer Ohrwürmer von der Theaternacht. Schreibt ihr Texte und Musik zusammen oder kommt alles von Eva?

Engelbach | Das ist unterschiedlich. Ich habe mich von Marcels Ideen auf jeden Fall sehr inspirieren lassen. Es gibt einzelne Sätze von ihm, um die ich den Text herum gesponnen habe. Irgendwo taucht „kleine Teile“ auf. Das hat mich zu dem ersten Lied mit den gefallenen Engeln inspiriert.

Kommt ihr euch bei den Proben in die Quere?

Weinand | Wir sind uns immer wunderbar einig. Sowohl was das Musikalische angeht, als auch was das Szenische betrifft. Wir teilen den Humor und den Geschmack.

Engelbach | Die Szenen sind Musik. Wie Musikvideos.

Weinand | Stimmt, es ist ein bisschen so, als hätte man ein Album produziert und würde jetzt für jedes Lied ein kleines Video drehen. Am 12. Dezember kommt das Album raus – mit dem Film dazu.

Was ist an dem HONKA-Abend besonders? Was erzählt ihr Leuten, die davon nichts wissen?

Weinand | Die Musik und der Spaß mit dem Thema.

Das Thema ist nicht gerade lustig.

Weinand | Eben. (Lachen)

Engelbach | Es ist auf jeden Fall heikel. Da scheiden sich echt die Geister. Eine Freundin von mir, die sich alles angesehen hat, was ich gemacht habe, will nicht kommen. Sie sagt, sie kann es nicht ertragen und versteht nicht, warum wir uns das antun. Ich finde schon spannend zu sehen, was es mit den Menschen macht, die dann da sind. Es geht uns ja nicht darum, jemanden zu bekehren oder am Ende eine Moral—

Weinand | Wir machen ja kein Splatter-Movie oder so. Eine Frau wird zersägt, ok, aber nur eine!

Engelbach | Und das auf eine sehr charmante Art. (Lachen) Das Lied, das sie dabei singt, ist eigentlich das schönste.

Weinand | Aber klar, man wundert sich am Ende immer mal, dass es dann doch Leute gibt, die rausgehen. Das kann schon passieren. Ich würde nicht rausgehen. Ich finde das alles im Rahmen und nett.

Engelbach | Vielleicht müssen wir aufpassen, dass es nicht wieder viel zu nett wird.

Weinand | Das wird es nicht. (Lachen)

Wie eine Art Kippbild. Humor hilft, Spannungen auszuhalten. Aber federt ihr damit alles ab oder gibt es Momente, wo man als Zuschauer denken könnte: „Das ist mir jetzt zu heftig!“

Engelbach | Die Brüche sind immer da.

Weinand | Wir bauen ein kleines Idyll. Danach kommt aber immer ein Kommentar aus dem Originaltext, wo doch wieder etwas zerhackt wird.

Engelbach | Auch das Idyll ist nicht wirklich idyllisch. Niemand sitzt dort auf einer Wiese und isst Rama. Ich kann aber nur schwer verstehen, warum man so ein Stück ablehnen sollte, nur weil es auf einem wahren Menschen beruht. Warum guckt man sich Sweeney Todd an, lehnt sich zurück und gruselt sich ganz feierlich, will aber nicht in Honka gehen? Warum? Wo ist das Problem? Nur weil es den mal gegeben hat?

Der Anschein von Wirklichkeit in diesem Projekt macht es so prickelig – im Positiven, wie vielleicht im Negativen. Dass die ganzen Texte, die Artikel, die Überschriften in den Zeitungen echt sind, dass also schon einmal reale Menschen die Wahrhaftigkeit dieser Geschichte behauptet haben. So dass von dem Menschen Honka selbst nur noch Text übrig ist – mit einem Wirklichkeits-Effekt. Ähnlich Jack the Ripper, wo sich auch die Figur verselbstständigt hat und anderen Texten als Metapher dient. Bei Wedekind zum Beispiel.

Engelbach | Ja. Dazu fällt mir noch ein, dass mich jemand gefragt hat: „Warum wollt ihr dem Mann ein Denkmal setzen? Ist er das wert? Warum macht ihr das?“ Es gibt eine gewisse Empörung darüber, dass wir diesen Typen so sehr in den Mittelpunkt einer Erzählung stellen. Hat er das verdient? Es entsteht eine Wertung auch uns gegenüber, wir seien nicht ganz richtig im Kopf. Ich finde das komisch. Dabei gibt es auch bei uns die Tendenz: „Soviel von ihm will ich gar nicht erzählen. Ich will nicht, dass er die ganze Zeit auf der Bühne ist. So viel soll er gar nicht sagen.“ Und am Ende kriegt er doch das ganze Stück. Aber es ist wichtig, dass wir versucht haben, die Frauen in den Mittelpunkt der Geschichte zu rücken. Es ist ja nunmal wirklich so gewesen, dass niemand sie vermisst hat. Das finde ich total faszinierend. Es verschwinden vier Frauen und kein Mensch fragt sich, wo die sind. Eine über Jahre hinweg, die wurde erst drei Jahre später gefunden. Dadurch wurde unser Opferchor immer größer. Es spielt schon eine Rolle, warum man das so macht und sich nicht nur an diesen strangen Typen aufgeilt.

Und doch bleibt der Widerspruch. Wir werben mit dem HONKA-Stencil für das Stück.

Engelbach | Genau. Das ist wieder das Reißerische, dem wir verfallen sind. Du auch.

Da wird etwas in einem angesprochen, von dem man nicht weiß, ob man das in sich angesprochen wissen will.

Weinand | Ich habe den Verdacht, dass es einen ziemlich großen Fankreis gibt. Wie viele Menschen es allein bei Facebook gibt, die sich „Honka“ nennen. Das ist ein bisschen so wie die Leute, die T-Shirts tragen, auf denen Jack Nicholson mit der Axt abgebildet ist. Das ist schon ein richtiger Mythos. Wie „Shining“ von Kubrick hat auch Honka ein große Fangemeinde. Erstaunlich viele Menschen kennen ihn auch. Ich habe häufig gehört: „Ihr macht ein Stück über Honka? Das ist ja geil!“


Am Samstag, 13. Dezember lädt der Verein der Freunde und Förderer des LICHTHOF e.V. im Anschluss an die Vorstellung zum Publikumsgespräch.


HONKA - FRAUENMÖRDER VON ALTONA
Ein Mordsspektakel mit Musik
Uraufführung Freitag, 12. Dezember 2014
Weitere Vorstellungen 13.12. / 18.-20.12. / 26.+27.12.

Beginn 20:15 Uhr

Karten: 15,- € / 10,- € (ermäßigt)
Reservierungen und VVK: 040 855 00 840 // lichthof-theater.de / comfortticket.de
 
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