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"Die Kategorien von Normalität und Wahnsinn scheinen überholt"

Henri Hüster hat mit seinem Konzept zu einer Adaption von IRRE den 9. Start off-Wettbewerb gewonnen - einer Bühnenbearbeitung des 1983 erschienen Romans von Radikalautor Rainald Goetz. Das Zustandekommen dieser Produktion ist umso bemerkenswerter, da Rainald Goetz erstmals seit der Uraufführung einem Regisseur die Adaption seines Erstlingsromans gestattet. In der Zusammenarbeit mit Choreographin Vasna Aguilar inszeniert Henri Hüster eine Mischung aus Schauspiel und Tanz. Was macht die Sprache mit dem Körper, was macht der Körper mit der Sprache? Übersetzt in die Thematik von Irre: Wie viel Ordnung brauchen wir - wie viel Irrsinn und Chaos vertragen wir?

Die Premiere von IRRE ist am Freitag, 20. Januar 2017.

Foto Irre (c) Marie Sturminger

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LICHTHOF | Du hast Philosophie und Germanistik studiert, bist dann Regisseur geworden? Wieso?

Henri Hüster | Regisseur wollte ich schon vor Beginn des Studiums werden. Mir ging es ums Geschichten erzählen und da schien es mir eine gute Idee, erstmal Philosophie und Germanistik zu studieren und zu sehen, was andere so gedacht und geschrieben haben. Das war aber kurz nach Einführung des Bachelors und ein verschultes geisteswissenschaftliches Studium hat sich völlig falsch angefühlt. Ich hatte dann schon während des Studiums eine Theatergruppe und habe bald das Studium unterbrochen zugunsten von Hospitanzen und Assistenzen an Theatern.

Was oder wer ist IRRE?

Eine Stückentwicklung, die basierend auf Goetz’ Roman, die Geschichte von Raspe erzählt, einem jungen Arzt, der beginnt in der Psychiatrie zu arbeiten und dementsprechend einer Menge Leute begegnet, die IRRE sind. Dabei stellen sich viele Fragen, z.B.: wie normal sind meine Patienten und wie irre bin ich? Allgemein geantwortet;: das ist bloß eine Frage der Perspektive. Alles, was gesellschaftlich nicht als normal gilt. In „postfaktischen Zeiten“ kann man irre dann wiederum als das neue normal betrachten. Die Kategorien von Normalität und Wahnsinn scheinen überholt. Wie sehr viele der dualen Einteilungen, zu denen wir in der westlichen Welt neigen, die aber nicht in der Lage sind unsere komplexe Welt zu beschreiben. Eine dritte Antwort: „Irre“ ist ein herabwürdigender Ausdruck für Menschen, die unter psychischen Krankheiten leiden. Mit diesem Ausdruck ziehen Teile der Gesellschaft dann eine künstliche Grenze zwischen sich und den anderen.

Wie kommt es, dass Rainald Goetz dir als erstem Regisseur seit der Uraufführung von IRRE eine Bühnenbearbeitung gestattet? Worauf vertraut er?

Wir haben ein Konzept zu dem Roman geschrieben, das sich sehr auf die verschiedenen formalen Zugriffe des dreiteiligen Romans bezog und wie wir dafür Bühnenentsprechungen zu finden versuchen. Dabei ging es viel um unsere Lust auf Theater als Ort der verschiedensten Erzählmöglichkeiten.  Wir wollen nicht realistisch die Situation von Ärzten und Patienten abbilden auf der Bühne. Ich glaube nicht an Bühnenrealismus. Vielleicht sah er da eine Verbindung. Äußerungen von Goetz entnehme ich, dass er früher ein großer Theaterfan war und es extrem genossen hat ins Theater zu gehen. Irgendwann hat sich das etwas gewandelt. Von Goetz gibt es ein sehr schönes Zitat über Theater.

„Die Wirklichkeit der wirklich echten Körper echter Menschen macht da mit jedem Atemzug, den die da atmen und erst recht mit jedem Wort das unmögliche Argument praktisch zur Wahrheit, daß das Toteste einen Augenblick lebt, daß es etwas, was es nicht gibt, gibt: nichttote Kunst."

Der Körper als Ausdrucksmittel war ein großes Thema im Konzept. Ich arbeite ja nun schon das dritte Mal mit der Tänzerin Vasna Aguilar zusammen. Dadurch rückte der Körper mehr und mehr in den Fokus meiner Theaterarbeiten. Das kann sich im Ergebnis manchmal mehr und manchmal weniger zeigen, sorgt aber dafür, dass ich andere Formen suche als Realismus. Dieser Formwille verhindert Peinlichkeiten wie Kittel tragende Arztdarsteller*innen auf der Bühne. Das war aus dem Konzept zu erkennen und das scheint Goetz dazu bewogen haben uns die Dramatisierung zu gestatten.

Was ist Wahnsinn und wie lässt sich von Wahnsinn erzählen? Die Fragen stellen sich beim Lesen des Roman und die Fragen stellten wir uns im Konzept und in den Proben - wahrscheinlich bis zur Premiere und drüber hinaus. Und hoffentlich macht es den Zuschauer*innen Spaß mit uns darüber nachzudenken.

Bei Rainald Goetz denken viele zuerst an dessen Leseperformance beim Bachmann-Preis 1983. Während er "Subito" liest, ritzte er sich mit einer Rasierklinge die Stirn ein und beendet den Text blutüberströmt. Was erzählt dir das und finden wir etwas davon in IRRE?

Ich habe das Video recht oft gesehen inzwischen. In einer anderen Arbeit von mir war das schon mal Thema. Viel wesentlicher als den Schnitt finde ich  vorher den Körper von Goetz während er liest. Das Beben, die Spannung des Körpers, der die ganze Zeit die „Tat“ vorbereitet. Bringt die Sprache den Körper in Bewegung oder andersherum? Diese Erzählungen des Körpers, das finden die ZuschauerInnen hoffentlich in IRRE.

Was ich darin sehe: Die Sehnsucht des Autors Goetz nach Wirklichkeit. Die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufzulösen. Den Wunsch des Autors Goetz die Situation beim Bachmann-Preis zu drehen. Sein Blick auf die Jury während er sich die Stirn hält. Eigentlich immer eine schreckliche Situation: junge Autor*innen lesen und müssen sich anhören, was alte, vermeintlich mächtige Kritiker*innen dazu zu sagen haben. Goetz hat sich dem ziemlich klug und wild zugleich entzogen.

Goetz gilt als "Chronist der Gegenwart". Was interessiert dich an einem Roman von 1983?

Das mit dem Chronisten der Gegenwart kam erst später auf, als er sich in unterschiedlichsten Formen an der Gegenwart abarbeitete und keine Romane veröffentlichte. „Irre“ ist für mich schlicht einer der besten deutschsprachigen Romane - um es marktschreierisch zu formulieren: aller Zeiten. Nur an einzelnen Ausdrücken spüre ich die achtziger. Junger, idealistischer Mensch und Institution - dieser Konflikt ist extrem gut getroffen. Damit können sich junge (Theater-)menschen identifizieren, glaube ich.
Natürlich hat sich die Psychiatrie seitdem verändert, aber alle mit denen ich sprach und denen ich daraus zu lesen gab, die mit Psychiatrie zu tun haben, fanden extrem vieles von dem wieder, was ihnen begegnet ist.

Am LICHTHOF ist zu beobachten, dass Schauspiel und Tanz oder Choreografien in der letzten Zeit vermehrt verschränkt werden - wie etwa bei "Glaube Liebe Hoffnung" (Wiederaufnahme 04.+05. Februar) oder zuletzt von Anne Schneider "KeinOrt.Finsternis". Zeichnet sich da so etwas wie eine Krise der Worte ab oder was ist da los?

Bei mir selber war das eine künstlerische Entwicklung. Mein Interesse an Theater hat eindeutig bei der Literatur und der Sprache begonnen und ich habe mich erst in den letzten zwei Jahren mehr dem, was der Körper auf der Bühne erzählt, zugewandt.

Sprache ist mir immer noch das wichtigste, aber ich habe inzwischen sehr viel mehr Proben, auf denen kein Text aufgesagt wird. Das bedeutet in meiner Arbeit Freiheit und Erfindung und Grenzerfahrung. Einer Tänzerin zu beschreiben, was sie gerade tut, fällt mir natürlich viel schwerer als bei Schauspieler*innen. So weitet sich mein Blick und mein Vokabular erweitert sich.

Wir sind da wieder bei dem oben genannten Goetz-Zitat. Was unterscheidet das Theater von allen anderen Formen. Die Frage „Was ist der Körper?“ scheint mir für das Theater eine sehr lohnende zu sein. Im Versuch der Beantwortung dieser Frage könnte für die „alte“ Kunst Theater eine Möglichkeit liegen nochmal Avantgarde zu sein.

Ich habe leider die beiden genannten Arbeiten nicht gesehen, kann darum nichts zu einer Verwandtschaft sagen. Vermutlich liegt es daran, dass sich zwischen klassischen Schauspielertheater und Performance gerade viele Mischformen entwickeln.

Die Berechtigung eines kleinen Theaters liegt für mich darin, neue Theater- und Erzählformen zu fördern Insofern ist das LICHTHOF Theater da vielleicht auf einer Spur.

Maxim Biller bezeichnet den 1983 erschienen Roman als Beginn einer "Ichzeit" in der deutschsprachigen Literatur, in der sich der Autor als "verletzende und verletzliche Person stolz ins grelle öffentliche Licht" begibt und zeigt, "dass es für ihn keinen Unterschied gibt zwischen seinem Leben und seinem Werk". Inwiefern spielt die Person Rainald Goetz in deiner Bühnenbearbeitung eine Rolle?

Ich finde die Beschreibung von Biller ja zutreffend, trotzdem hat Goetz eine Figur erschaffen und damit Fiktion. Wir versuchen diese Figur nun etwas von Goetz wegzuholen und aus unserer Perspektive von ihr zu erzählen. Insofern spielt er als Autor eine große Rolle, mit seiner Sprache und mit seiner Art zu erzählen. Aber nicht als Person.



LICHTHOF Productions / Start off
IRRE
Nach dem gleichnamigen Roman von Rainald Goetz

PREMIERE Freitag, 20.01.2017 | 20:15 Uhr
Samstag, 21.01.2017 | 20:15 Uhr
Sonntag, 22.01.2017 | 17:30 Uhr
Freitag, 27.01.2017 | 20:15 Uhr
Samstag, 28.01.2017 | 20:15 Uhr
Sonntag, 29.01.2017 | 17:30 Uhr



tl_files/Produktionen 2016-2017/Irre/huester (c) Jan Schomburg.jpg

Foto Hüster (c) Jan Schomburg

 
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